Aber vielleicht will Weisheit gar nicht das Leben "verbessern", vielleicht ist das die falsche Vorstellung, dass es voran gehen, besser werden soll, einen Fortschritt geben muss.
Michael Hampe
Professor für Philosophie ETH Zürich

Weisheit


Möchten Sie weise sei? Ja? Aber was haben Sie dann eigentlich vor? Müsste man das Wort „Weisheit“ jetzt nicht erst einmal definieren, um Ihr Vorhaben zu verstehen? Aber muss man das Wort „Schwimmen“ definieren, wenn man Schwimmen lernen will? Sieht man nicht einfach andere, wie sie sich munter durch das Wasser bewegen und will DAS dann auch können? Oder muss man das Wort „Karotte“ definieren, wenn man einen Karottensalat zubereiten möchte? Bekommt man die Karotte nicht einfach gezeigt: „So eine, zerschneid die mal in kleine Stückchen!” Wir lernen das Zählen nicht, indem uns die Definition von „Zahl“ beigebracht wird. Kennen Sie übrigens eine? Nein? Aber Sie können zählen, oder? Wann muss man etwas definieren?

Die eine sagte: „Bitte, Herr, ich und diese Frau wohnen im gleichen Haus, und ich habe dort in ihrem Beisein geboren. Am dritten Tag nach meiner Niederkunft gebar auch diese Frau. Wir waren beisammen; kein Fremder war bei uns im Haus, nur wir beide waren dort. Nun starb der Sohn dieser Frau während der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Sie stand mitten in der Nacht auf, nahm mir mein Kind weg, während ich schlief, und legte es an ihre Seite. Ihr totes Kind aber legte sie an meine Seite. Als ich am Morgen aufstand, um mein Kind zu stillen, war es tot. Als ich es aber am Morgen genau ansah, war es nicht mein Kind, das ich geboren hatte.“ Da rief die andere Frau: „Nein, mein Kind lebt, und dein Kind ist tot.“ Doch die erste entgegnete:„Nein, dein Kind ist tot, und mein Kind lebt.“ So stritten sie vor dem König. Da begann der König: „Diese sagt: ‘Mein Kind lebt, und dein Kind ist tot!’ und jene sagt: ‘Nein, dein Kind ist tot, und mein Kind lebt.’“ Und der König fuhr fort: „Holt mir ein Schwert!“ Man brachte es vor den König. Nun entschied er: „Schneidet das lebende Kind entzwei, und gebt eine Hälfte der einen und eine Hälfte der anderen!“ Doch nun bat die Mutter des lebenden Kindes den König – es regte sich nämlich in ihr die mütterliche Liebe zu ihrem Kind: „Bitte, Herr, gebt ihr das lebende Kind, und tötet es nicht!“ Doch die andere rief: „Es soll weder mir noch dir gehören. Zerteilt es!“ Da befahl der König: „Gebt jener das lebende Kind, und tötet es nicht; denn sie ist seine Mutter.“ Ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie schauten mit Ehrfurcht zu ihm auf; denn sie erkannten, dass die Weisheit Gottes in ihm war, wenn er Recht sprach.“ (1 Kön 3,16-28)

Jakob Holzer: Schiedsspruch des Königs Salomo. Public Domain Marc 1.0

Es gibt andere Beispiele und sie mögen andere Aspekte „unseres“ intuitiven Verständnisses von „Weisheit“ illustrieren. Hätte es einen Sinn, nach einer Definition zu suchen, die alle möglichen Aspekte von Weisheit erfasst
Meistens handeln Definitionen nur von bestimmten Aspekten der Bedeutung eines Wortes oder einer Sache. Die, die die Definitionen aufstellen, meinen jedoch, es seien die relevanten, die wichtigsten oder gar die wesentlichen Aspekte. Die Folge einer solchen Feststellung ist meist, dass andere das anders sehen, dass siedie Definition unzureichend, das Wesen der Angelegenheit gerade nicht erfassend betrachten.
Doch sollen wir nach einem Wesen einer Sache suchen statt nach Beispielen? Sokrates meint das in einem Platonischen Dialog, als ihm sein Gesprächspartner auf seine Frage, was Tapferkeit sei, ein Beispiel gibt: In der Schlachtreihe beim Angriff nicht zurückweichen, das sei tapfer. Sokrates findet, dass das keine gute Antwort sei, weil seine Frage auf das Wesen der Tapferkeit ziele (Laches 17). Ist das eine weise Kritik von Sokrates? Man denkt natürlich: Sokrates, wer, wenn nicht er, gilt als weise? Doch muss man wirklich Was-ist-Fragen mit einer Wesensdefinition beantworten? Führen solche Definitionen nicht immer zu Streitigkeiten? Und wäre es nicht weiser, solche Streitigkeiten zu vermeiden?
Sokrates entwickelt, um seine Was-ist-Frage beantworten zu können, eine ziemlich steile Theorie: die so genannte Ideenlehre von Allgemeinheiten, die jenseits unserer Erfahrungswelt „schweben“, aber diese doch irgendwie „steuern“. Vielleicht liegt genau hier die Abzweigung, an der die Weisheit verlorengeht, an der sie der westlichen Philosophie abhandengekommen ist. Denn es könnte ja sein, dass Weisheit immer mit dem Konkretem, Greifbaren zu tun hat und nicht mit dem Theoretischen und Spekulativen. Doch wenn wir sagen, dass die Weisheit immer mit etwas zu tun hat, versuchen wir dann nicht ihr Wesen anzugeben? Widersprechen wir uns dann nicht selbst

Gewöhnliches und Ungewöhnliches

 

Das Handy klingelt zum Aufstehen, ins Bad, duschen, Kaffee aufsetzen, anziehen, frühstücken, Zähne putzen, aufs Fahrrad, ins Büro vor den Bildschirm, zu Mittag essen, nach Hause fahren, Abendessen, eine Serie gucken, ins Bett — so geht das Tag für Tag. Nur für diejenigen, die in ein mathematisches oder philosophisches Institut gehen, wäre Definieren Teil ihres Alltags. Für die meisten von uns ist es der Umgang mit konkreten Dingen und Erfahrungen, der unseren Alltag prägt: Bettdecken, Duschvorhänge, Zahnbürsten, Kaffeetassen, Brötchen, Fahrräder, Computertastaturen, Müdigkeit, Hunger, Langeweile, Ärger, Freude usw.
Vieles, was in unserem Alltag geschieht, hat mit Gewohnheiten zu tun. Wir haben uns daran gewöhnt, etwas Bestimmtes zu frühstücken, einen bestimmten Weg ins Büro zu nehmen, unseren Abend auf die eine oder andere Weise zuzubringen. Gleichzeitig gibt es Dinge, die allen Menschen passieren, an die man sich aber nicht gewöhnen kann, weil sie jedem Menschen nur einmal geschehen: Wir sind alle geboren wurden und müssen alle sterben. Und dann gibt es schliesslich Lebensereignisse wie Krankheit, Verliebtheit, Partner- und Elternschaft, Trennung, die viele von uns betreffen.
Das Konkrete und Gewöhnliche unseres Lebens, sowohl das, an das man sich gewöhnt hat, wie auch das, an das man sich nicht gewöhnt hat oder gar nicht gewöhnen kann, wie den Tod, ist Gegenstand von Texten und Praktiken, die man unter den Begriffen „Weisheitsliteratur“ und „Weisheitspraktiken“ zusammenfassen kann. Sollen wir jeden Abend vor dem Einschlafen in einem Tagebuch darüber nachdenken, wie wir unseren Tag verbracht haben? Wie sollen wir unsere Freunde auswählen, wenn wir sie denn auswählen können? Sollen wir in unserem Beruf nach Reichtum streben? Wie können wir mit unserer Todesangst umgehen? Solche Fragen werden in vielen Texten der Weisheitsliteratur behandelt.
Doch der Alltag in Berlin ist ein anderer als der in Taipeh, und der in Taipeh ein anderer als der in Los Angeles, in Manaus geht es wieder anders zu und noch einmal wieder anders in Teheran. In verschiedenen Kulturen gewöhnt man sich an unterschiedliches, isst anderes, grüsst anders, feiert andere Feste. Und auch Geburt und Tod bedeuten in einem buddhistischen Land wie Bhutan etwas anderes als in Finnland oder im US-amerikanischen Bible-belt. Das Gewöhnliche ist nicht universal. Gibt es überhaupt etwas universal Menschliches? Vielleicht müsste man es herstellen durch Verständigung.


Eine Person, die sich mit der Weisheitsliteratur und den Weisheitspraktiken unterschiedlicher Kulturen beschäftigt, tritt in einen solchen Verständigungsprozess ein. Sie kann lernen, dass es anderswo ganz anders zugeht, aber dass es auch ganz ähnliche Probleme gibt. Fast überall scheinen Menschen unter Liebeskummer und Todesangst zu leiden. Aber was heisst das, wenn doch „Liebe“ und „Tod“ in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliches bedeuten? Was in der einen Kultur als ein unakzeptabel grausamer Umgang mit Toten gilt, ist in der anderen selbstverständlich. Wer in Berlin die Leiche eines Verwandten im Tiergarten deponieren würde, damit sie den Tieren dort als Nahrung dient, bekäme eine Strafanzeige und die Verachtung vieler Mitmenschen zu spüren. In Tibet ist eine so genannte Himmelsbestattung, in der das Fleisch eines Toten den Geiern als Nahrung dient, etwas Gewöhnliches. Und wir können verstehen, warum buddhistische Tibeter ihre Leichen den Tieren geben; es geschieht nicht aus Verachtung für die Toten, sondern aus Fürsorge für die Tiere.

Das Leben ändern

Wer weiser werden möchte, glaubt es noch nicht zu sein. Eine solche Person möchte sich selbst und ihr Leben ändern. Ist dieser Wunsch selbst schon ein Anzeichen von Weisheit? Wer andere Menschen ständig verletzt und sich selbst am wichtigsten nimmt, jedoch meint, sich und sein Leben nicht ändern zu müssen, ist vielleicht weniger weise als eine rücksichtsvolle Person, die jedoch ständig den Wunsch bei sich wahrnimmt, andere zu verletzen und diesen Wunsch loswerden will.
„Leben“ ist ein vieldeutiger Begriff. Er kann das betreffen, was zwischen dem Wachstum eines Menschen im Mutterleib und seinem Tod stattfindet: das Leben einer einzelnen Person. Man spricht jedoch auch vom Leben „im Westen“ oder „in Asien“. Dann geht es um grosse Gruppen. „In Asien lebt es sich anders als im Westen“, hört man Leute sagen. Oder jemand, der durch die Klimaveränderung beunruhigt ist, mag ausrufen: „Das Leben der Menschheit steht auf dem Spiel! Wir müssen unser Leben ändern!“ Dann geht es um „uns alle“. Was die Biologie über das Leben zu sagen hat, dass es sich in einem Evolutionsprozess entwickelt hat, dass Menschen Herz und Nieren haben usw. betrifft nur sehr allgemeine Aspekte dessen, was in diesen Redeweisen von „Leben“ angesprochen wird.
Wie kann man sein Leben ändern? Leben wir so, wie wir leben, weil wir in Taipeh, in Zürich, in Los Angeles, in Lagos oder Sidney leben? Oder leben wir in einer dieser Städte, weil wir als Einzelne ein bestimmtes Leben führen wollen? Was ist zuerst da: das Muster des einzelnen Lebens oder die Muster der grossen Gruppen und Kulturen? Dass ich Deutsch und Englisch spreche, jedoch nicht Chinesisch liegt daran, dass ich in Westdeutschland geboren worden bin. Dort ist es unwahrscheinlicher Chinesisch zu erlernen als in China.
Viele Züge unseres individuellen Lebens sind durch die Kollektive, die Kulturen bedingt, in die wir hineingeboren wurden und zu denen wir uns als junge Menschen noch nicht verhalten können. Warum sind wir egoistisch? Weil wir in eine Gesellschaft hineingeboren wurden, in der rücksichtslose Konkurrenz herrscht oder haben wir als Einzelne Gesellschaften gegründet, in denen es so zugeht, weil „wir“, als Einzelne, eben „so sind“?

Diese Frage betrifft das alte Henne-und-Ei-Problem: Wer war zuerst da, die Henne, die das Ei gelegt hat oder das Ei, aus dem die Henne, die ein Ei legen kann, geschlüpft ist? Wie hat alles angefangen? Und wo sollen wir beginnen, wenn wir unser Leben ändern wollen: bei uns selbst oder bei der Gesellschaft und ihren Institutionen, wenn „das Leben“ ein anderes werden soll? Weisheit scheint sich eher an die Einzelnen zu richten und in westlichen Gesellschaften ist man eher geneigt zu denken, dass man immer „bei sich“, „beim Einzelnen“ ansetzen muss, wenn man das Leben Vieler ändern will. Doch stimmt das? Im „Osten“ oder im Marxismus sieht man das anders. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ – eine Gesellschaft mit bestimmten ökonomischen Bedingungen bringt Menschen hervor, deren Leben auf bestimmte Weise abläuft, die soundso denken und fühlen, meinte Marx. Wie immer man sich zu diesem Henne-Ei-Problem stellt: Wenn Weisheit eine „Verbesserung“ „des Lebens“ nach sich ziehen soll, dann muss sie etwas zum Verhältnis der Leben der einzelnen Menschen zu dem der Kollektive und Kulturen sagen. Aber vielleicht will Weisheit gar nicht das Leben „verbessern“, vielleicht ist das die falsche Vorstellung, dass es voran gehen, besser werden soll, einen Fortschritt geben muss. Vielleicht hat Weisheit einfach damit zu tun, die Dinge so zu sehen, wie sie nun mal sind. Aber wäre das nicht auch schon eine Verbesserung? Ist ein Leben ohne Illusionen nicht besser als eines mit?

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Albumtext
Wahrheit

Die Erde ist eine Scheibe. Zwei mal zwei macht vier. Viren gibt es nicht. Zucker kann Karies verursachen. Die Wirtschaften der Welt werden von einer unsichtbaren Hand zum größtmöglichen Glück aller gelenkt.
Wahrheiten und Unwahrheiten bestimmen unser Leben. Welche Wahrheiten sind überhaupt relevant? Welche Illusionen gefährden eine gelungene Lebensführung?

Albumtext
Tod

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Podcast
Alles ist Nichts - Einführender Podcast zum Daoismus (German)
Podcast mit Kai Marchal über den Daoismus, seine Hauptwerke und Hauptvertreter.
Liegt im Dao das Gute Leben verborgen? Wo muss ich es dann suchen? Was ist das Dao überhaupt?

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