Doch die Sorge kann jeden treffen, ob arm, wohlhabend oder reich, jung, alt, gesund oder krank. Wen sie erwischt, den lähmt sie und nimmt ihm alles durch ihre bloße Anwesenheit.
Martin Münnich
METIS Projekt

Sorge

An einem guten Tag wache ich auf, nachdem ich in der Nacht einige Stunden am Stück geschlafen habe. Gegen drei oder vier Uhr in der Frühe bin ich dann plötzlich da und neige meinen Kopf zum Fenster. Es ist noch nicht morgen und auch nicht mehr tiefe Nacht, in der Stadt. Um die Stille in meinem Zimmer genießen zu können, öffne ich das Fenster. Kurz nachdem ich wieder unter der körperwarmen Decke liege, ziehen auch schon dünne Schwaden des Zigarettenrauchs meiner Nachbarin ins Zimmer. Verdünnt durch den langen Weg über zwei Stockwerke nach oben, riecht der Rauch krautig, erinnert an ein Lagerfeuer nach kräftigem Regen und weniger an Lungenkrebs und die eigentlich illegale herbstliche Müllverbrennung in den Schrebergärten, die noch immer jedes Jahr meine Heimatstadt für ein ganzes Wochenende in sandig-gelbe Wolken hüllt.
Wenn ich vor der Haustür auf meine Nachbarin treffe, deren Namen ich noch immer nicht weiß, reden wir manchmal miteinander. Sie fragt mich etwas, um dann ein paar Sätze von sich erzählen zu können. Zum Beispiel erkundigt sie sich nach meiner Arbeit. Sie hält mich noch immer für einen Arzt. Und gute Ärzte brauche man ja auch! Da gebe es viel zu wenig von. Sie selber könne leider nicht arbeiten, weil sie ständig Ängste habe. Was das genau für sie bedeutet, frage ich nie. Ab und an mischt sie ein paar mir unangenehme Klischees in ihre Rede. Von den Asiaten mit deren großen Autos, die sie nicht richtig fahren könnten und deren großen Familien, mit denen sie hier einreisen und sich in viel zu kleine Wohnungen zwängen.

Meist jedoch sehe ich sie, falls ich sie wahrnehme, auf dem Balkon nervös Zigarette rauchen und an den gelben Nägeln kauen. Gelegentlich hastest sie fast schon clownsartig geschminkt irgendwohin, um dann später am Tag geknickt heim zu schlurfen. Doch wenn sie Kinder spielen sieht, dann hellt sich ihr Gesicht auf und es scheint, als hätte ein anderes Leben als ihr eigenes, das ich ja auch nicht kenne, die kleinen und großen Fältchen gezeichnet. Nicht frei von Angst und Sorge hätte sie gelebt, aber doch so, dass sie letztendlich vielleicht damit einverstanden wäre, wenn sie, wähnte sie sich dem Tode nah, Resümee ziehen würde. 
Ich ahne nicht, worüber sie nachdenkt, wenn sie in der Frühe ihre Zigaretten raucht. Aber sie raucht bedeutend langsamer als jemand, der zwischen dem Buswechsel automatisiert den Glimmstängel hinuntersaugt. Womöglich, so stelle ich es mir gern vor, sind ihre Gedanken völlig verstummt. Sie zündet sich nur eine Zigarette an und raucht. Mich jedenfalls lässt sie mit unserem Ritual, von dem sie nichts weiß, teilhaben an einer Ruhe, die ich sonst kaum finden kann. In dieser Zwischenzeit bietet sich dem auf Alltagsgeschäftigkeit ausgerichteten Geist nichts, was er erfassen, bearbeiten oder abarbeiten muss. Er geht wie von selbst in verstopfungsfreie Stasis über und nimmt die Szenerie auf, ohne sich an sie zu klammern. Es sind schöne, fast zeitlose Momente, die ich gern in jeden Tag hinüberretten würde. Jedoch ist mir nicht immer klar, ob ich diese Zwischenzeitminuten so schätze, weil sie besonders einfach und klar sind, oder weil ich selbst wie in einem Nebel verschwinde, der mich gegen alles Äußere, vermeintlich Wichtige und Informative abschirmt.

Vor kurzem stolpert meine Nachbarin auf dem nächtlichen Heimweg und fällt in einen knapp zwei Meter tiefen Bauschacht. Durch den Aufschlag bewusstlos ertrinkt sie im Regenwasser, das sich in der Grube gesammelt hatte. Allerdings findet man sie erst einige Tage später, nachdem die weiche Schneedecke wieder geschmolzen ist, die sich in jener Nacht nach plötzlichem Temperatursturz rasch über sie legte. Es ist ein weiterer Mitbewohner des großen Mietshauses, der mich wenig später darauf aufmerksam macht, dass sie verstorben ist. Sie fehle ihm schon ein wenig, besonders vermisse er die kurzen Gespräche im Gang.
Wenn ich nun aufwache in den ersten Stunden des Tages, suche ich vergebens nach der verlorenen Ruhe. Mich ängstigt der Gedanke an den Tod, der gar nicht sonderlich alt gewordenen Dame. Wie verschieden bin ich denn von ihr? Könnte ich noch umkehren, oder steuere ich auch schon auf meinen Graben zu? Ein Glück gar nicht erst geboren zu sein?! Ich kann darin kein Glück sehen. Mir geht es doch auch viel zu gut, als dass ich den Wert meines Lebens so einfach negieren dürfte. Auch der gedankliche Selbstmord eine Schweinerei? Etwas Ähnliches habe ich einmal gelesen und war berührt von der Intensität der Sinnsorge, die manche junge Männer im Europa des 20sten dazu veranlasste sich in den Weltkrieg zu werfen, der nur der Erste werden sollte. Sie versuchten die von vielen empfundene Krisis selbst noch ein Stück weiter zu treiben, in der Hoffnung in der Nähe des Todes, den erahnten oder erhofften Wendepunkt zu erreichen und das wirklich Wichtige des Lebens wenigstens erahnen zu können.
Was also fehlt mir, mal abgesehen vom morgendlichen Passivrauch? Die richtigen Ideale? Vaterland? Heimat? Volk? Das Meiste, was sich heute mit diesen Ausdrücken brüstet, ist dummes Zeug und mir scheint fraglich, ob das jemals anders war. Einer jener jungen Männer, die sich damals ‘aus Überzeugung’, wie man gern adelnd zusetzt, ins Stahlbad warfen, war der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein. Gewiss ein kluger Mensch, vielleicht ein Weiser. Um die ihn quälende Sorge um das sinnvolle Leben loszuwerden, übte er sich nicht nur in soldatischem Todesmut, sondern las. Tolstois Volkserzählungen, die Bibel, Kierkegaard, William James’ Varieties of Religious Experience und vieles mehr. Meines Wissens blieb er ein Getriebener, ständig unter Spannung. Und doch soll er, als der den Krebstod unmittelbar vor Augen hatte, den Freunden die Botschaft hinterlassen haben, sein Leben sei wundervoll gewesen. Wie geht das zusammen? So viel Unruhe im Inneren, so viele Turbulenzen um ihn herum. Zwei Weltkriege, der politische Zusammenbruch seiner Heimat Österreich-Ungarn, die Gräuel in den Gaskammern der Nazis, die Millionen Toten und die Verwüstungen der Schlachten und Flächenbombardements. Wie hätte in all dem ein sorgefreies Leben möglich sein sollen?

Doch die Sorge kann jeden treffen, ob arm, wohlhabend oder reich, jung, alt, gesund oder krank. Wen sie erwischt, den lähmt sie und nimmt ihm alles durch ihre bloße Anwesenheit. Der Mensch, sein Leben lang ein Kind der Sorge, heißt es in einem Gedicht des deutschen Schriftstellers Herder. Muss man also mit ihr leben lernen? Besteht in diesem Versuch so etwas wie der Sinn des Lebens und nicht in ihrer Abwehr?
Vorgestern kam der Maler. Er schob die Farbbottiche in die Wohnung meiner ehemaligen Nachbarin, klebte behände Lichtschalter, Steckdosen und Trittbrett ab und strich die Wände strahlend weiß. Für einige Tage riecht es noch drückend im ganzen Haus nach Lösungsmittel, bis auch das verschwindet. etwas, um dann ein paar Sätze von sich erzählen zu können. Zum Beispiel erkundigt sie sich nach meiner Arbeit. Sie hält mich noch immer für einen Arzt. Und gute Ärzte brauche man ja auch! Da gebe es viel zu wenig von. Sie selber könne leider nicht arbeiten, weil sie ständig Ängste habe. Was das genau für sie bedeutet, frage ich nie. Ab und an mischt sie ein paar mir unangenehme Klischees in ihre Rede. Von den Asiaten mit deren großen Autos, die sie nicht richtig fahren könnten und deren großen Familien, mit denen sie hier einreisen und sich in viel zu kleine Wohnungen zwängen.

MM, Zürich

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Albumtext
Wahrheit

Die Erde ist eine Scheibe. Zwei mal zwei macht vier. Viren gibt es nicht. Zucker kann Karies verursachen. Die Wirtschaften der Welt werden von einer unsichtbaren Hand zum größtmöglichen Glück aller gelenkt.
Wahrheiten und Unwahrheiten bestimmen unser Leben. Welche Wahrheiten sind überhaupt relevant? Welche Illusionen gefährden eine gelungene Lebensführung?

Albumtext
Tod

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Podcast
Alles ist Nichts - Einführender Podcast zum Daoismus (German)
Podcast mit Kai Marchal über den Daoismus, seine Hauptwerke und Hauptvertreter.
Liegt im Dao das Gute Leben verborgen? Wo muss ich es dann suchen? Was ist das Dao überhaupt?

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